Freitag, 19. August 2016

Gedicht [im park]









im park

kennst du jede verzweigung
vorwärts und rückwärts
zählst die eichhörnchen
zwischen den buchen

schnell vorbei
an den hundekacktüten
innereien sagst du
in fetzenhaut

auf schattenwegen
nimmst du die bleimütze ab
ich fahre durchs babyhaar
deines herbstes

perückensträucher
sagst du und
meine worte kaue ich
muttermilchweich







Bild und Text © Marlies Blauth
















Montag, 15. August 2016

Gedicht [Rätsel]












Rätsel

In seinem Knochenhelm
liegt es still
aber nie untätig.
Wir lieben es
ohne es wirklich zu lieben
und niemand hat je gesagt
dass es schön ist –
obwohl es das Schöne
doch sammelt und schafft
nennt man es ständig grau.
Grotesk
wenn man sich hineindenkt
wie jetzt.





Bild und Text: © Marlies Blauth







Donnerstag, 11. August 2016

Mutter Künstlerin





Mutter Künstlerin


Bekanntlich habe ich meine Kinder ziemlich spät bekommen. Das passte sehr gut in meinen Lebenslauf – hatte ich doch schon als Jugendliche sehr richtig festgestellt, dass ich entweder ganz früh oder ganz spät Mutter werden will, aber sicher nicht „in der Mitte“, wenn ich gerade in meinen Beruf eingestiegen bin. Ich wusste: Mein Herz hängt am Tropf der Kunst, daran wird sich auch nichts ändern. In allen Lebenslagen, wenn immer meine Gesundheit es zulässt, würde ich Kunst (weiter) machen.
Dass es mitunter zeitliche Einschränkungen geben würde, war mir klar. „In den Biografien von Künstlerinnen gibt es vielfach Brüche und Phasen von künstlerischer Auszeit“ – so ähnlich las ich es kürzlich in einem Textentwurf einer Künstlerinnenvereinigung. Ja, es wäre schön, sich schlicht an diesen Gedanken zu gewöhnen. Es ist einfach so. Zwar habe ich nie eine wirkliche Auszeit genommen, aber meine Zehnstunden-Arbeitstage von zuvor waren mit der Geburt meines ersten Kindes eindeutig passé, weder Nachtarbeit noch Kinderbetreuung konnten diese Zeit zurückholen.
Nun kenne ich meine Stärken – ich kann mich „anpassen“ durch Improvisation, ja, es macht mir sogar Spaß, auf veränderte Gegebenheiten zu reagieren (sofern sie nicht katastrophal sind). 
Ich denke, genau das gehört sogar mit zum Wesen der Kunst: unter Einfluss zu stehen und dabei Einfluss zu nehmen. Den Fluss nicht anzuhalten, sondern sich Gedanken über seinen Verlauf zu machen, das Flussbett mitzugestalten, Stauwerke zu bauen oder abzutragen – wohin man eben fokussieren mag. Das sieht heute zwangsläufig anders aus als morgen, bei aller Bewahrung des Bewährten.

Also vertraute ich mir selbst – irgendwie so „ich werde das Kind schon schaukeln“ – und habe mich, jetzt kann ich ja resümieren, auch nicht enttäuscht: Ich bin mit meinem „Lebenswerk“ zufrieden, vier Kinder großgezogen zu haben. Manches aus dem Strauß der Bedingungen war auch sehr gut und passend, anderes hat mich bitter enttäuscht. Vor allem ließ mich das Umfeld – ganz unerwartet; nicht immer, aber viel zu oft – von der erfahrenen Künstlerin zur unerfahrenen Mutter mutieren. War es schon nicht einfach gewesen, in einer Familie, die nichts „mit Kunst am Hut“ hatte, Akzeptanz zu gewinnen, so musste ich gleichsam wieder von vorn anfangen. Ich hatte durchaus meine pädagogischen Vorstellungen, aber: Von der Stillzeit zur Ernährung, vom Kindergarten-Blabla bis zur Schulwahl – aus allen Richtungen schlug guter Rat auf mich ein, auf den ich so gern verzichtet hätte (denn, Leute: ich bin fähig zu fragen, wenn ich was wissen will! Man muss mir eigentlich nichts unterschieben, was ich gar nicht wissen will). 
Mein Mann befand sich im Übervollzeitberuf und erlebte es sehr beruhigend festzustellen, dass ich fürs Kinderauf-/erziehen irgendwie geeignet war. Allein meine Mutter erwies sich als Seelenbegleiterin, und ich bin ihr heute noch dankbar: „Du machst das schon richtig, lass die doch alle quatschen!“, sagte sie manchmal, wenn meine Stimmung gerade down war wegen der heftigen Besserwisserei. Und ja, ich war tatsächlich zur Vollzeit-Mutter und Teilzeit-Künstlerin gemacht geworden, das musste mir beinahe jeder – warum auch immer – unter die Nase reiben. Das Zusammenfließen biografischer Gegebenheiten (so meine Sichtweise) scheint da nur eine winzige Rolle zu spielen, während das Einordnen in Schubladen offenbar eine beliebte Disziplin ist. Ich denke in Schnittmengen, verbinde gern unverbunden scheinende Aspekte, kann meine künstlerische Erfahrung vielfach im Alltag unterbringen (und umgekehrt natürlich auch): ich war und bin Künstlerin, die Mutter wurde – keine Mutter, die irgendwo noch ein bisschen kreativ rumpusselt.
Und dieses, letztere, Etikett bin ich zeitlebens nicht mehr richtig losgeworden. Nur da, wo ich meine Kinder „verschweige“ (bzw. sie so plötzlich wie helfend – beim Ausstellungsaufbau beispielweise – auftauchen), bin ich immer noch die Vollblut-Künstlerin. Da haftet mir nirgendwo an, nur „halbe Sachen“ zu machen. Komisch, nicht?

Ich war also nicht nur mit Kindern schwanger, sondern immer mit Ideen und auch mit Worten: Die Geburt meines ersten (veröffentlichten) Gedichts war 2006. Wann immer es möglich war, schrieb ich – vielleicht, weil das „technisch“ weniger aufwändig ist als das Malen. Manchmal ist die Disziplin (im Sinne der künstlerischen Kategorie) gar nicht so wichtig – die „andere“ Disziplin hingegen sehr: spannend, was man alles lernen kann! Bis heute schreibe ich am liebsten im Zug. Damals war es eine seltene Ruhe-Nische für mich, Zeit, die ausgenutzt werden wollte – und immer noch habe ich die besten Ideen unterwegs. Diese Nische der Ruhe bezieht sich, wohlgemerkt, nicht bloß auf die Kinder. So sehr ich es genoss, mal nicht „erziehen“ zu müssen, so frei fühlte ich mich gleichzeitig von all den Menschen, die ständig meinten, mich ins Banale reinziehen zu müssen, mir Sorgen zuwarfen, die ich eigentlich gar nicht hatte („Was wirst du denn mal machen, wenn …“, „Denkst du denn gar nicht darüber nach, dass …“, „Esst ihr denn auch einmal am Tag warm?“).
Das alles bewahrte mich natürlich nicht davor, in manchen Augen nach wie vor die Bastelmama zu sein … die jetzt auch noch schreibt. Meine Mutter hält getreulich dagegen – „Du machst das schon richtig …“, ruft sie mittlerweile aus der Ewigkeit herüber. Und irgendjemand hat mein 2015 erschienenes Buch als preiswürdig vorgeschlagen … daraus ist zwar nun nichts geworden, ich habe mich aber trotzdem riesig gefreut. Weil es ein deutliches Gegenbastelargument ist.

Wirklich Karriere zu machen – der Zug ist natürlich abgefahren. Aber ich bin an irgendeinem Bahnhof doch noch zugestiegen, sitze mit einem Kaffee und meinem Schreib- und Zeichenzeug drin und arbeite. Wo ich aussteige, weiß ich noch nicht. Die Fahrt ist so schön!

Künstlerische Arbeit ist Sehen, Gehen (oder Fahren …) und Forschen. Mit Kindern ändert sich das, natürlich, nicht.
Man könnte sagen: Die „Erwachsenen“ waren schon immer das größere Problem.





Zu diesem Text inspirierte mich Doreen Trittel.



Kleiner Nachtrag vom 13.8.2016: Es gibt nicht nur die Besserwisser, sondern auch die, die es wirklich "besser wissen", weil sie es "gelernt" haben. Die Crux der Familienarbeit ist, dass sie dermaßen in die Breite geht, dass einem immer irgendwo mangelnde Kenntnis oder Dilettantismus vorgeworfen werden kann. Die Besserwisser haben leider ganz schnell irgendwelche Zitate, Forschungsergebnisse etc. bei der Hand, mit denen sie alles aushebeln können, was man tut oder entschieden hat. Ein Beispiel aus dem Nähkästchen: Wir kamen nicht umhin, vor 13 Jahren brachte ein Kind Läuse mit. (Hahaa, die ExpertInnen meinen ja, man solle drauf achten, wenn sich Kinder öfter mal am Kopf kratzen. Aber niemand kratzte sich, die Läuse waren trotzdem da.). Da wir gleich den stärksten Hammer aus der Apotheke nahmen, aber nach drei Anwendungen, ganz nach Vorschrift natürlich, immer noch ein paar Läuse krabbelig hohnlachten, war mir klar: Die sind resistent, ein anderes Mittel muss her. In der Apotheke hieß es jedoch, ich müsse mehr staubsaugen (!?!). Liebe BlogbesucherInnen, dreimal dürfen Sie raten, welche Ansicht mehr Aufmerksamkeit erhielt ... 
Und als einige Zeit später tatsächlich zu lesen war, dass die Viecher Resistenzen gegen die gängigen Mittel entwickeln, war meine Hypothese längst vergessen. Denn ich bin ja nur – ungelernte Mutter.









Samstag, 16. Juli 2016

Kleine Rezension: zarte takte ...









Der Gedichtband von Marlies, die ich nur virtuell kenne, kommt bei mir an.
Ich nehme ihn in die Hand, er ist schön geheftet, das Aquarell passt gut in das Gesamtbild. Ich bin sehr gespannt auf den Inhalt – der Titel spricht mich schon an. zarte takte tröpfelt die zeit.
Ich kenne Aquarelle und Bilder von Marlies und bin gespannt auf ihre Gedichte. Immer wieder entdecke ich neue Wortschöpfungen – in "man könnte sagen" kittelmustergelächter, so bildhaft. Dieses Gedicht ist so stimmungsvoll, ein wenig bedrückend und gut, um sich einzufühlen.

In "Erinnerung/ am Kiosk" kommen mir meine Kindheitserinnerungen in den Sinn, Farben, Gerüche ...
Am liebsten habe ich "Hinterer Schrank, links", diese Gefühle im Schuhkarton schwingen eine Saite in mir, melancholisch.
Flohmarkt – Erinnerungen loszulassen ist so wunderbar in Worte gefasst.
Aufbruch – lass dich nicht fesseln: auch das trifft mich, passt gut.
An den rändern des traums – nachdenklich und aus dem Leben.
Und natürlich das titelgebende Gedicht – zarte takte! Gehaltvoll und mächtig.

Marlies` Gedichte sind oft melancholisch, aber immer mit Hoffnungsschimmer und positiven Gedanken, ein Nachdenken über die Zeit, das Erwachsenwerden, Erinnerungen und Menschen, die einen begleiten / begleitet haben. Über Gefühle, die man hat und vielleicht loswerden sollte.

Beeindruckend, wie du, liebe Marlies, Worte findest, die einen synästhetisch fühlen lassen.

Danke, dass ich deine Gedichte lesen durfte und immer wieder darf!



Stefanie Rogg


(vielen Dank, Steffi - M. B.)